... meine Rezensionen

Eine Mordsschule [Kindle Edition]

von Mathias Meyer-Langenhoff

 

Klappentext / Kurzbeschreibung

Bernd Reisinger ist gscheiterter Lehrer, Copy-Shopbesitzer und Privatdetektiv. Nach durchzechter Nacht erreicht ihn ein Anruf. Ausgerechnet sein verhasster Exkollege Lütgen ist ermordet worden. Ist Reisingers ehemaliger Schüler Niklas Bennemann wirklich der Mörder?

 

 

Inhalt und Umsetzung

Vorbemerkung

Diese Rezension beginnt mit einem ausgesprochen negativen Grundtenor - das kommt daher, dass ich sie verfasst habe, während ich die Kurzgeschichte las (es brannte mir schlichtweg unter den Nägeln, meine Eindrücke aufs virtuelle Papier zu bannen). Mein erster Eindruck änderte sich später. Aber was soll ich sagen? Ich finde, dass genau dieser erste Eindruck seine Berechtigung hat und daher bleibt die Rezension ganz genau so wie sie ist.

 

Der Protagonist ist Bernd Reisinger. Laut Kurzbeschreibung unter anderem g[e]scheiterter Lehrer. Mein erster Eindruck von ihm?

Mal sehen:

"Und dann der Wein. Zwei, drei, vier Flaschen? Er wusste es nicht mehr."

Naaa, schönen Gruß von der Leber, ne? Die dürfte wohl noch recht genau wissen, wie viel Ethanol ihr vorgesetzt wurde. Hätte sie eine weiße Fahne zur Verfügung, würde sie sie spätestens nach letzter Nacht hektisch wedeln. Jemand, der in Erwägung zieht, dass er bis zu vier Flaschen Wein in sich hineinschütten kann, ohne in der Notaufnahme zu landen, der dürfte wohl (abgesehen von all den anderen Jobs) dem Berufsstand der "Gewohnheitstrinker" angehörig sein. Aber schauen wir mal, ob ich mit meiner Vermutung im weiteren Verlauf der Geschichte richtig liege.

(Anmerkung: auch wenn meine Bemerkung etwas anderes impliziert: nein, ich habe nichts gegen alkoholkranke Menschen.)

 

Und weiter gehts:

"Angeekelt betrachtete er sich im Spiegel. War er das wirklich, dieser rötlich aufgedunsene Quadratschädel mit Doppelkinn, Mehrtagesbart und trüben Augen?"

Oh?

Ein Mann, dem man nicht im Dunkeln (oder in der U-Bahn) begegnen möchte. Aber immerhin trotz Kater klar genug, um zu erkennen, dass sein Erscheinungsbild nicht gerade einem Adonis entspricht.

 

Und schon auf Seite zwei bestätigt sich meine Vermutung:

"Gerd, der Wirt seiner Stammkneipe, hatte morgens um zwei seine Frau Anne angerufen und sie gebeten, Reisinger abzuholen, denn er war nicht mehr in der Lage selbstständig nach Hause zu gehen. Nicht zum ersten Mal hatte sie sich aus ihrem Bett gequält und ihn schimpfend und ziemlich unsanft in seinen Laden verfrachtet."

Reisinger hat also tatsächlich ein ethanollastiges Hobby.

 

Gut, wieso auch nicht? Er wäre nicht der erste Held in der Literaturgeschichte, der an seiner Vergangenheit zerbrochen ist, und nun seinen Frust im wahrsten Sinne des Wortes ersäuft. Geht aus meiner Sicht in Ordnung. Auch wenn ich persönlich so langsam die Nase voll davon habe, dass jede gescheiterte Existenz mit Alkohol assoziiert wird. Gibts denn keine anderen, weniger klischeebeladenen Laster, um das deutlich zu machen?

Es gibt doch sooo viele andere, hübsche Drogen, die ebenso tauglich wären ;o)

 

Weiter gehts.

 

Juhuuu, und kaum habe ich geglaubt, das Säuferklischee könnte ich wohlwollend übersehen - weil sich Reisinger offensichlich noch nicht die Ventrikel groß gesoffen hat* - kommt direkt das nächste:

Reisinger schreibt an einem Kriminalroman.

Junge, Junge.

Und quasi zur Inspiration jobbt er auch noch als Privatdetektiv. (Klischee Nummer drei innerhalb von zwei Seiten. Das ist neuer Rekord!)

 

Kommen wir zu Reisingers nächster Eigenschaft: er scheint alles andere als ein "pedantisches Arschloch" zu sein. Denn genau das denkt er über seinen ordnungsliebenden Exkollegen Lars Lütgen.

Soll ich tatsächlich wieder "Klischee!" schreien? Nee, oder?

Na ja. Mal ehrlich: so schlimm finde ich es nicht, wenn jemand unordentlich ist. Hätte diese Info für sich allein gestanden (also ohne Alkoholkrankheit, Kriminalroman und Privatdetektiv), hätte ich es nicht einmal erwähnt.

 

Kennen Sie das?

"Wenn man vom Teufel spricht ..."

Kaum denkt Reisinger an Lütgen, ruft ihn Niklas Bennemann an, um ihm mitzuteilen, dass er (also Niklas) den Lütgen nicht umgebracht hat.

Tjoah. Kein Klischee - dafür ein hammermäßiger Zufall.

 

Niklas ist ein ehemaliger Schüler des Exlehrers. Das erkärt zumindest, wieso er mit einem geklauten Handy bei Reisinger anruft.

"Reisinger kam aus dem Staunen nicht heraus", weil er mit Informationen durch den Schüler zugepflastert wird. Ich ehrlich gesagt auch nicht.

 

Pflichtbewusst schlendert Reisinger also zur Schule, um bei der Polizei eine Aussage zu machen.

Japp. Er schlendert: "Gemächlich schloss er seinen Laden ab [...]"

Und japp. Er hat eine Aussage zu machen.

Und bei wem?

Bei Frau Reisinger.

Ui!

Frau Reisinger ... ob es sich dabei um ... naaaa? Hört abgesehen von mir noch jemand die Nachtigallen trappsen?

Richtig! Sie ist es! Frau Reisinger ist Reisingers Frau. (Man verzeihe mir diesen Kalauer.)

 

Damit die Geschichte weitergehen kann, darf Herr Reisinger seine (Ex)Frau Reisinger dann zum Leichenfundort begleiten, an dem gerade fleißig von der Spurensicherung herumgewuselt wird.

Ja, ja, schon gut. Ich weiß, ich weiß. Es ist eine Geschichte. Da darf ein Zivilist durchaus einen Leichenfundort mit seiner DNA kontaminieren. Gehört ja fast schon zum guten Ton. Würde sonst ja auch nicht funktionieren.

Herr Reisinger hat ja schließlich auch ein Argument - das Wissen um den Anruf durch seinen ehemaligen Schüler. Was beim Schweigen der Lämmer noch quid pro quo hieß, nennt der Autor dieser Geschichte "Kein Tipp, kein Blick" oder auch "Erst Blick, dann Tipp." (Das fand ich wirklich kreativ und spaßig - ganz ohne Ironie!)

 

Ab jetzt werde ich die Rezension etwas abkürzen, um auf zu viel Gespoiler zu verzichten, möchte es mir aber nicht nehmen lassen, auf die ein oder andere Ungereimtheit hinzuweisen:

 

Die Leiche hat ein verzerrtes Gesicht. (Die Muskeln entspannen bei Eintritt des Todes, da ist mit Fratze Essig - macht sich aber ganz gut.)

Die Polizistin hat keine Ahnung, wie die Zeugen heißen. (In Zeiten der digitalen Kommunikation ist ein Notizblock auch zu viel verlangt.)

 

... Mhm ...

Aber es gibt Lichtblicke, die mich hoffen lassen, dass diese Geschichte nicht ernst genommen werden sollte.

So sagt Reisingers Frau: "Meine Güte, Bernd. Nur weil du einen Krimi schreibst und als Möchtegerndetektiv durch die Gegend läufst, hast du noch längst keine Ahnung."

Und kurz darauf bestätigt Reisinger (durch den Erzähler) selbst: "Reisinger musste zugeben, dass nicht viel für seinen ehemaligen Schüler sprach. Für ihn und seine Ermittlerkompetenz übrigens auch nicht."

Überhaupt: je weiter ich mich von den ersten Seiten entferne, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass der Protagonist (und somit der Autor) reflektieren kann.

Dieser Seitenhieb gefiel mir besonders:

"Außerdem waren sie am Gymnasium schon selbst Schülerinnen gewesen. Reisinger hatte sie sogar unterrichtet. Ihren Horizont hatten sie nach ihrem Abi nicht wesentlich erweitert: Studium an der Uni, Wohnen in Hotel Mama und danach zurück an die alte Schule."

 

Ich entscheide mich ab jetzt einfach dazu, dass die Geschichte (leicht) satirische Züge hat (der Autor möge mir verzeihen, sollte ich mich diesbezüglich irren**). Mit dieser Grundannahme gefällt mir der Krimi gleich sehr viel besser und bekommt einen unbestreitbaren Unterhaltungwert, wenn sich Reisinger mit zunehmendem Pegel und seinem Drahtesel durch die Stadt schaukelt.

 

Der Autor baut einige Verdächtige und Motive auf, spendiert eine weitere Leiche, und läd den Leser dazu ein, fleissig mit auf Killerjagt zu gehen. Ich fühlte mich spannend unterhalten.

 

Das Ende ist ... speziell.

Es ist so verquer, dass es einfach passt.

Und es überzeugt mich endgültig davon, dass ich mit meinem Verdacht richtig liege. Diese Geschichte funktioniert, weil man sie nicht zu ernst nehmen sollte.

 

Komme ich zum Handwerklichen: Wie aus den zahlreichen Zitaten bereits ersichtlich, wurde die Geschichte in der dritten Person Singular im Präteritum verfasst. Orthographie, Interpunktion und Grammatik sind (bis auf Kleinigkeiten) angenehm stimmig und wurden offenbar sorgfältig lektoriert. Das Layout ist im Blocksatz gehalten, krankt allerdings etwas an den Abschnitt-Einschüben. Da fehlt die Einheitlichkeit. Manchmal gibts überzählige Leerzeichen. Ein Mal ist mir ein Fehler im Tempus aufgefallen: "Schon als Schülerin war sie eine ziemliche Schlange." Auf Position 233 (Es lebe die Kindle-Ära) ist eine irreführende Worttrennung zu finden: "Detektive-hrenwort"

 

Wieso Herr Meyer-Langenhoff sich einem Thriller widmet, der in einer Schule spielt? Er kennt sich aus. Laut Autorenseite des größten Online-Bücher-Anbieters studierte er Diplompädagogik und war an Berufsschulen als Lehrkraft für Pädagogik und Psychologie tätig.

 

* Die Abnahme der Gehirnsubstanz führt dazu, dass die mit Liquor (nicht Likör) gefüllten Hirnventrikel an Volumen zunehmen können.

** es gibt nichts zu verzeihen: ich habe recht :-)

 

 

Fazit

Es handelt sich um eine spannende, augenzwinkernde Kurzgeschichte.