Sherlock

Kurzer Abriss zur vierten Staffel

War es das?

 

Endlich ist sie erschienen.

Die vierte Staffel Sherlock.

 

Hach, was habe ich darauf gewartet. Als ich den ankündigenden Trailer sah, freute ich mich wie ein kleines Kind. Endlich neues Futter. Endlich geht es weiter.

Gepaart mit der Frage: hat Jim einen Zwilling?

Himmel! Der letzte Satz klingt wie von einem Soap-Opera-Fangirl.

 

Ich kann Soap Operas nicht sonderlich viel abgewinnen.

Was eventuell auch erklärt, wieso ich von der neuen (und eventuell sogar letzten?) Staffel nicht wirklich begeistert bin. Zu viel Seifenoper.

Darüber hinaus zu viele Haie.

Haie über die man herüberspringt. Mit Anlauf.

Fast schon ironisch, dass die erste Folge mit diesen Knorpelfischen eingeläutet wird.

Hatte ich bereits beim Betrachten von „die Braut des Grauens“ ein flaues Gefühl in der Magengegend, als John Sherlock über die Vorzüge einer Beziehung aufklärte, so beschlich mich die gesamte vierte Staffel über eine düstere Vorahnung, dass es nicht besser werden wird.

 

Für die Freunde des spoilerfreien Genießens empfehle ich, die Lektüre dieses aus – wie leidlich gewohnt – zeitlichen Gründen recht kurz gehaltenen ersten Eindrucks zum nächsten Absatz hin abzubrechen und eventuell wiederzukommen. An dieser Stelle daher schon mal mein knappes Fazit: bloody hell, was sollte das?

 

Ab hier spoilere ich, was das Zeug hält!

Ich finde es äußerst bedauerlich, dass ich nicht so viel Zeit investieren kann, wie ich es gern täte. Daher beziehe ich mich hier nur auf die wichtigsten Punkte. Eine intensivere Auseinandersetzung muss ich auf „irgendwann mal“ verschieben, da ich gründlich vorgehen will.

 

Die erste Folge der neuen Staffel beginnt mit einem foreshading. Sherlock berichtet aus dem Off von einer Geschichte, in der es um einen Händler und den Tod geht. Indem der Händler versucht letzterem aus dem Weg zu gehen, läuft er ihm über den Weg. Dem geneigten und etwas filmerfahrenen Zuschauer wird an dieser Stelle klar: „oh, oh. Es wird jemand über die Klinge springen.“

Nun gut. Ich persönlich habe mit Sherlock gerechnet. Am Ende der Staffel selbstverständlich. Als krönenden Abschluss einer fantastischen Serie.

Nun. Es war nicht Sherlock und es war nicht am Ende der Staffel. Nachdem Mary recht früh in der Folge ihre und Johns Tochter auf die Welt bringt, irgendwie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, Sherlock ihr ihre Sicherheit garantiert, währenddessen Gipsbüsten der Iron Lady zertrümmert werden (altbekanntes doyle’sches Motiv), der Cutter vermutlicherweise auf Speed war … rettet Mary Sherlocks Leben und bezahlt dafür mit ihrem eigenen. Naive Frage an dieser Stelle: woher wusste sie, wann sie in die Flugbahn des Projektils springen musste?

Eine recht lange Sterbeszene später haben wir ein weiteres bekanntes Motiv: John ist stinkig auf Sherlock.

Wieso, ist klar: Sherlock schwor hoch und heilig, er würde Mary beschützen. Schön. Er ist der Protagonist, da muss man sowas wohl versprechen. Mal abgesehen von seiner ohnehin vorhandenen Neigung zur Theatralik wäre das schon okay – hätten sich die Autoren nicht dazu entschieden, aus Mary eine hervorragend ausgebildete Söldnerin zu machen. Das lässt die Situation dann doch etwas … lächerlich wirken.

Wie auch immer. Sherlock gelingt es nicht, seine Ankündigung wahrzumachen, schlimmer noch, er ist quasi der Grund für Marys Tod. Etwas, das John mit der Kündigung ihrer Freundschaft beantwortet. Nur …

Das ist nicht neu. Nach Sherlocks Wiederauftauchen in „der leere Sarg/the empty hearse“ herrschte ebenfalls bereits Eiszeit. Und hier kommen wir zur Seifenoper. Für sich genommen hätte der Kontaktabbruch Sinn ergeben und er wäre berechtigt gewesen. Da er allerdings zum zweiten Mal geschah … ganz ehrlich? Ich dachte nur „nicht schon wieder.“

 

Die zweite Folge beginnt also damit, dass John mit seiner Trauer fertig werden muss und sich Sherlock mit Drogen zudröhnt. Sherlock auf Drogen? Gut, klar. Passiert ständig. Aber in dieser extremen Ausprägung? Derart selbstzerstörerisch, dass Molly Hooper daran verzweifelt? Tjoah … wo hatten wir das schon mal? Ah, richtig! Als der consulting detective den Napoleon der Erpressung zur Strecke bringen wollte.

Aber bitte nicht falsch verstehen. An und für sich ist diese Folge sehr spannend. Auch sie folgt bekannten Motiven von Sir Conan Doyle, setzt sie interessant um und hat es geschafft, mich mitfiebern zu lassen.

Johns Halluzinationen hingegen sind … sie haben mir zu viele Ähnlichkeiten mit Moriartys Auftauchen in Sherlocks Gedächtnispalast. Btw.: wo war der in dieser Staffel eigentlich?

Ich meine damit den mindpalace. Jims Erscheinen habe ich nicht vor der dritten Folge erwartet (dass er auftauchen würde, wusste ich aufgrund der Besetzungsliste). Der Querverweis zu HH Holmes ist übrigens sehr nett. Wer sich für Serienkiller interessiert: auf Youtube tummeln sich diverse Dokumentationen über den Mörder.

Darüberhinaus finde ich es beunruhigend wie schlecht mein Gesichtsgedächtnis ist.

 

Die dritte Folge.

Ach ja. Die dritte Folge …

Fangen wir mit der schlimmen Nachricht an: Moriarty ist tot und er hat augenscheinlich keinen Zwilling.

Kommen wir zur schlimmeren Nachricht: Sherlock hat durchaus ein weiteres, vermeindlich unerwartetes Geschwister.

Schön, das wurde bereits in der letzten Folge der dritten Staffel angeteasert, stellt daher keine Überraschung dar und dass es sich dabei um eine Schwester handelt, dürften Sie anhand meiner Wortwahl im vorherigen Satz bereits geschlussfolgert haben. Diese Schwester ist – wie sollte es anders sein – ein soziopathisches Genie. Scheint in der Familie zu liegen. Ich glaube nicht an einen genetischen Ursprung, denn die Eltern scheinen einigermaßen normal zu sein. Bleibt noch das soziale Umfeld, das für den Sprung in der Schüssel sorgen konnte. Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, Mama und Papa haben die Erziehung ihrer Sprößlinge verbockt. Three in a row. Not bad, not bad at all.

Schwesterchen schickt ihre zwei Brüder nebst John in ein vertracktes Labyrinth in dem sie über Leben und Tod entscheiden müssen. Joah, kann man mal machen.

Nebenbei stellt sich heraus, dass Redbeard/ Rotbart kein Hund war, Sherlock eine partielle Amnesie plagt, ein vergangenes Trauma seine Erinnerungen verzerrt … kurz: das ist der Stoff aus dem die Nachmittagsserien gemacht sind, welche meine Mom so gern guckt. Seifenoper, ick hör’ dir trappsen.

Nett hingegen ist der Verweis zur Familie Musgrave, dessen Ritual Doyle-Lesern bekannt vorkommen sollte.

Am Ende sind alle – und damit meine ich wirklich alle! – mehr oder weniger friedlich miteinander vereint, Schwesterchen hat den ganzen Humbug nur veranstaltet, damit Brüderchen sie endlich wahr- und in den Arm nimmt und aus dem Off erklärt Mary, dass John und Sherlock … nun ja … eben John und Sherlock sind.

*seufz*

 

Ich muss sagen: ich bin hin- und hergerissen. Ich liebe diese Serie. Ich mag die Schauspieler. Ich finde die Drehbücher gut (naja, wenigstens meistens). Mir imponiert, wie es den Autoren gelungen ist, Holmes und Watson in die Gegenwart zu holen.

Allerdings …

Mir scheint, es wurde zu sehr versucht, sich immer und immer wieder selbst zu übertreffen. Es wurde über die Jahre immer noch eine Schippe drauf gelegt. John und Sherlock waren schon immer mehr oder weniger schrullig, Mycroft von Anfang an ein show-off wie sein Bruder, Molly hoffnungslos verknallt und Mrs. Hudson alles andere als hausmütterlich. Ich werde jedoch das Gefühl nicht los, dass sich das alles irgendwie verselbstständigt hat, ins Surreale gesteigert wurde. Nehmen wir letztgenannte Figur. Sie taucht mit den quietschenden Reifen ihres Maseratis, verfolgt von einer Schar Bobbys, gedeckt von Mycroft (welcher natürlich sofort telefonisch zur Stelle ist), mit Sherlock im Kofferraum vor dem Haus der Therapeutin auf, welche soeben einen Termin mit John wahrnimmt. Sicher, wieso, weshalb, warum alles so kommen musste, wird im Nachhinein aufgeklärt, scheint einer ersten Betrachtung auch standzuhalten (wie gesagt: ich möchte mich noch ausführlich mit der Staffel auseinandersetzen), trotzdem ist es much too much.

Ein weiteres Beispiel: betrachten wir die ersten sechs Folgen, so wurde mit Moriarty ein ernstzunehmender Gegner aufgebaut, bei dem es Spaß machte, ihm zuzuschauen.

Als er weggebrochen war, musste jemand anderes ran. Magnussen war ebenfalls gelungen und stellte einen angemessenen Ersatz dar – nur hätte man sich den direkten napoleonischen Vergleich dann doch mal sparen können. In der ersten Folge dieser Staffel hätte ich noch mit Marys Ex-Kollegen als neuen Antagonisten gerechnet. Er wirkte vielversprechend. Dass ihm so rasch in den Rücken geballert wurde, halte ich für eine Vergeudung. Der Cerial-Killer (nope, kein Schreibfehler) war ebenfalls nett. Die Klimax im Krankenzimmer fand ich aufregend.

Aber die Schwester?

Ihr Name, Eurus, ist vom griechischen Gott des Ostwindes ausgeborgt – glaubwürdig begründet in der seltsamen Namenswahl ihrer Eltern. Was die Bezeichnungen der Anemoi angeht, so deckt sich die Serie mit dem englischsprachigen Wikipedia. Das deutschsprachige weicht ab, weist Euros dem Südosten zu.

Jedenfalls war es Eurus, die veranlasst hat, dass Jim Moriartys Aufzeichnung („miss me?“) verbreitet wurde. Sie war es auch, die für eben diese Aufzeichnungen gesorgt hat. Ob und in wie weit sie sich auch für die Eskalation zwischen Jim und Sherlock verantwortlich zeigt, kann ich nur mutmaßen.

Wieso aber das Ganze? Um Sherlock zu ihrem Gefängnis zu locken – Mycroft hatte sie auf einer Inselfestung jahrelang abgeschottet. Ihr wird nachgesagt, dass sie hypnotische Fähigkeiten ihr Eigen nennt und mit Hilfe dieser jedem ihren Willen aufzwingen kann. Schöne Idee – nicht wirklich genutzt. Mal davon abgesehen, dass sie zwar genial sein mag, dafür jedoch recht umständlich denkt und handelt, frage ich mich, wie dieses „meine Brüder sollen mich nicht länger links liegen lassen und lieber längerfristig liebhaben“-Ding überhaupt funktionieren soll. Es scheint, als hätte der Aufenthalt auf der Gefängnisinsel ihre Einsamkeit überhaupt erst ausgelöst oder zumindest ins Unermessliche gesteigert. Tatsache ist jedoch, dass sie schon als kleines Gör recht – sagen wir euphemistisch – unartig war. Damals gab es allerdings noch keinen Grund, sich ausgeschlossen zu fühlen. Man sieht in Rückblenden, dass Sherlock, Redbeard und sie mehr oder minder gemeinsam auf dem Musgrave-Anwesen herumtollen.

Naja. Ist mir zu hoch. Bin aber auch kein Genie. Von daher …

 

Abschließend möchte ich sagen, dass ich nach dem Anschauen der drei neuen Folgen (am Stück) irgendwie enttäuscht zurückgelassen wurde. Zwischendurch gab es äußerst spannende Szenen, der ein oder andere Twist war nett und ganz sicher werde ich mir die Staffel erneut ansehen.

Was mir nicht geschmeckt hat, waren die vielen Wiederholungen einzelner Motive, das Seifenoper-Gehabe und das mehr als kitschige (Serien-)Finale.

 

erstellt am 05.02.2017

hochgeladen am 08.04.2017

 

 

 

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