Die Braut des Grauens

The Abominable Bride, 2016

 

Es herrscht nach "Klappentext (DVD-Box)" erhöhter Spoileralarm!

 

 

Vorbemerkung

 

 

Es ist jetzt schon eine Weile her, dass ich für eine Rezension in die Tasten gehauen habe – das RL fordert aktuell äußerst hartnäckig seinen Tribut –, aber manchmal stolpert man dann doch über einen Film, der es einen in den Fingerspitzen kribbeln lässt.

 

Also Schleppi raus und ab ins Keyboard gehackt.

 

Dem aufmerksamen Leser meiner Homepage ist es aufgefallen, dass ich mich – wenn auch nicht vollständig, so doch zumindest tendenziell – den Holmesianern zurechne. Sie wissen schon: diejenigen Leute, die sich an den Werken von Sir Arthur Conan Doyle erfreuen. Die Bücher lesen, die Verfilmungen schauen und auch ein Auge auf diverse, nicht ganz so offensichtliche, Ableger werfen. Beispielsweise nenne ich die komplette Serie Dr. House mein eigen. Die Parallelen zu Doyles Werk sind nicht zufällig, und die Absicht dahinter wurde auch von den Produzenten eingeräumt (Quelle).

 

Nun, gestern war ich mit meiner Familie in der örtlichen City (so man sie denn auf die Art aufwerten möchte) und habe in den Auslagen eines hiesigen Kaufhauses eine Entdeckung gemacht, die mein Herz buchstäblich hat höher schlagen lassen.

 

Sherlock!

 

Genauer: das Intermezzo, welches zwischen der dritten und noch kommenden vierten Staffel anzusiedeln ist.

Ich wusste zwar, dass der Einzelfilm irgendwann gedreht werden sollte, hatte aber total vergessen (RL, Sie erinnern sich), mich darüber zu informieren, wann genau, geschweige denn, wann der Release zu erwarten war. Recherchen haben ergeben, dass er hierzulande erst in zwei Tagen herauskommen soll – ich für meinen Teil freue mich jedenfalls über den Irrtum (auf welcher Seite er auch immer zu suchen ist).

Abends schob ich dann, bewaffnet mit Knabberkram und Softdrinks, die DVD in das Abspielgerät.

 

Mhm … nachdem ich mich jetzt in einer ellenlangen Einleitung ergangen habe, biete ich den ungeduldigen unter Ihnen einen kurzen Eindruck, welchen ich später noch einmal ausführlich begründen möchte.

Kennen Sie den Ausdruck „jumping the shark“?

Mir jedenfalls ist er bei Konsum des Films, mehrfach durch den Kopf gegangen.

Er bedeutet, dass eine Serie ihren Zenit erreicht hat, beziehungsweise ein Element (innerhalb der eigenen Logik) übertrieben wird und dementsprechend die Qualität leidet. (Quelle).

Nun, ich für meinen Teil bin der Überzeugung, dass Sherlock über den Hai gesprungen ist, hoffe jedoch inständig, dass es lediglich ein kleiner Vertreter der Selachii war.

 

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die bisherigen Folgen der britischen Serie für sehr gelungen halte. Immerhin habe ich mir die Mühe gemacht – zeitlich bedingt – zumindest einige der Folgen mit dem originalen Werk zu vergleichen. Umso mehr weigere ich mich zu glauben, dass die mir aktuell vorliegende Folge so … misslungen ist, wie der erste Eindruck befürchten lässt.

 

Es war eine schöne Idee, Holmes in die Gegenwart zu versetzen, ebenso war es eine schöne Idee, den Charakter derart unausstehlich anzulegen, wie er in der bisherigen Serie erschienen ist. In einer meiner Rezensionen zu dem Thema habe ich erwähnt, dass Sherlock weitaus weniger lächelt als seine Vorlage Holmes. In der ersten Pilotfolge war es noch anders angedacht – vergleicht man die erste Version von „A Study in Pink“ (auf der entsprechenden DVD-Box enthalten) mit der späteren, eineinhalbstündigen, so fallen diese Unterschiede deutlich ins Auge. Sherlock war ursprünglich weicher, wirkte sympathischer und ein Stück weit unbeholfener.

 

Ich werde in dieser Rezension von meiner üblichen Vorgehensweise zur Serie Sherlock abweichen und lediglich einige Einzelheiten herausgreifen, die mich zu meiner Einschätzung veranlassen. Die Vergleiche zum Kanon Doyles kann ich – zeitlich bedingt – leider nicht in Bezug auf alle Details erbringen.

Spoiler kann und will ich nicht vermeiden. Dementsprechend empfehle ich, zunächst die Folge anzusehen, ehe Sie sich dem Rest des Textes zuwenden. Eine Möglichkeit ergibt sich am 28.03.2016 (Ostermontag) um 21:45 Uhr auf das Erste.

 

 

Kommen wir nun endlich zu „Die Braut des Grauens/ The Abominable Bride“

 

Zumindest teilweise rudern die Macher der Serie zurück und lassen einen Teil der Handlung im Jahre 1895 spielen. Übrigens – Zufall oder nicht? – eine Zahl, die bereits in „Ein Skandal in Belgravia/ A Scandal in Belgravia“ auftauchte, als der Besucherzähler auf Johns Blog stehengeblieben war. Es gehört quasi schon zur Allgemeinbildung, zu wissen, dass einige der Geschichten Doyles im späten 19. Jahrhundert angesiedelt sind.

 

 

Klappentext (DVD-Box)

 

London im Jahr 1895

 

Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. Watson (Martin Freeman) bekommen Besuch von Inspektor Lestrade, der für Scotland Yard im mysteriösen Fall der Emila Rocoletti ermittelt, auch bekannt als „Braut des Grauens“. Sie soll in einem Hochzeitskleid von einem Balkon aus wahllos mit zwei Pistolen in die Menge gefeuert haben, ehe sie Selbstmord beging. Nur wenige Stunden später jedoch soll sie von mehreren Zeugen dabei gesehen worden sein, wie sie einer Kutsche entstieg, um ihren eigenen Mann zu töten. Doch wie ist das möglich? Hat sie eine Doppelgängerin? Oder ist sie womöglich als Geist zurückgekehrt? Ein neuer kniffliger Fall für Holmes und Watson.

 

 

Ausgewählte Inhalte und Details

 

Aussehen

 

Die Kostüme scheinen mir gelungen und lehnen sich stärker an das ursprüngliche Werk, beziehungsweise den Abbildungen Sidney Pagets an. Sherlock hat kurzes Haar, welches er eng an den Schädel zurückgekämmt trägt – dies entspricht mehr dem ursprünglichen Werk Doyles, als die übliche Frisur des gegenwärtigen Sherlocks.

Johns Gesicht ziert der obligatorische Schnauzer. Nettes Detail: in „die Braut des Grauens“ wird erwähnt, dass der Bart Sherlocks Idee war, während er in „Der leere Sarg/ The Empty Hearse“ darauf besteht, dass John seinen neuen Gesichtsschmuck so schnell als möglich wieder los wird.

Lestrade nennt einen recht auffälligen Backenbart sein Eigen.

Oh, und übrigens: Molly Hooper ist ebenfalls von einem haarigen Phänomen gesegnet.

Lediglich Mrs. Hudson bleibt von solchen Veränderungen verschont.

Bleibt noch Mycroft Holmes, Sherlocks Bruder. Er wurde bisher als einigermaßen durchtrainierter Mann dargestellt, welcher auf sein Gewicht achtet. In „Ein Fall von Pink/ A Study in Pink“ wurde angedeutet, dass er eine Diät einhält – ein klarer Verweis darauf, dass Mycroft in Doyles Beschreibungen als adipös (= nettes Wort für „fettleibig“) daherkommt. Nun, es muss den Produzenten von Sherlock in den Fingern gekribbelt haben, denn sie steckten Mark Gatiss (welcher zu den Produzenten zählt) in einen fatsuit, welcher seinesgleichen sucht. In einer Szene gehen die beiden Brüder so weit, auf den Zeitraum zu wetten, welcher Mycroft noch verbleibt, ehe er an den Folgen seiner Adipositas sterben wird (Zwei Jahre, elf Monate, vier Tage).

Übrigens: auch hier wird, wie bereits in „Sein Letzter Schwur/ His Last Vow“, deutlich gemacht, dass Mycroft der cleverere der beiden Brüder ist.

 

 

Grundstimmung

 

Die Stimmung der in der Vergangenheit angesiedelten Szenen ist recht düster gehalten. Zeitweise wirkt sie wie in „die Frau in Schwarz“ aus dem Jahre 2012, eine Perle der legendären und vor knapp zehn Jahren reanimierten Hammer Film Productions. Ich persönlich mag diese Art von Atmosphäre. Sie passt zudem ganz gut zur erzählten Geschichte.

Die Szenen in der Gegenwart entsprechen der gewohnten Manier.

 

 

Beziehung zwischen Sherlock und John

 

Sie ist, wie gewohnt, davon geprägt, dass John Sherlock die Stirn bietet. Hier sind sie auf Augenhöhe, während es in Doyles Werk ab und an so scheint, als sei Watson ein geduldetes Anhängsel, welches sich damit abfindet, dass er Holmes in vielen (allen?) Belangen unterlegen ist. Ebenfalls wird thematisiert, dass es John war, der aus einem „Junkie“ durch seine veröffentlichten Erzählungen einen berühmten Detektiv hat werden lassen.

Nettes Detail: das erste Aufeinandertreffen der beiden verweist sowohl auf die moderne, als auch auf die originale Fassung. Ebenfalls nett ist Sherlocks Einprügeln auf eine Leiche, um die postmortale Bildung von Hämatomen zu überprüfen.

 

 

The Strand Magazine

 

Entsprechend dem Kanon veröffentlicht John ihre beider Abenteuer im The Strand Magazine. Vergleicht man die Abbildung der ersten Ausgabe, wie sie in Wikipedia zu sehen ist, so fällt auf, dass sie in „die Braut des Grauens“ Verwendung fand. Wobei ich den Eindruck nicht loswerde, dass es die Ausgabe von 1898 ist, welche gezeigt wird – das würde einen Bruch in der Chronologie darstellen.

 

 

Mary

 

Mary, Johns Ehefrau, wird in diesem Film ähnlich selbstbewusst dargestellt, wie in der gesamten dritten Staffel. Ihre Vergangenheit, welche in „Sein letzter Schwur/ His Last Vow“ beleuchtet wird, wird auch hier mehr oder weniger zur Sprache gebracht.

Sie ist eine mutige, selbstbestimmte Frau, welche sich den Gegebenheiten ihrer Zeit zwar anpassen muss, aber auf ihre Weise dagegen rebelliert.

 

 

Molly Hooper

 

Molly taucht in dieser Verfilmung augenscheinlich nicht als Frau auf. Nun, das wäre in einer patriarchalischen Gesellschaft wohl auch schwerlich möglich gewesen, da Hooper ein Gerichtsmediziner ist.

Erwähnenswert ist, dass Hooper hier als Charakter dargestellt wird, welcher Sherlocks Anwesenheit nicht viel abgewinnen kann, während sie in der Gegenwart verknallt in ihn ist.

 

 

Deerstalker

 

Der Deerstaker nimmt in diesem Film überhand, wohl weil er über die Jahre zu einem Markenzeichen (ähnlich der Meerschaumpfeife, welche in „die Braut des Grauens“ ebenfalls exzessiv geraucht wird) geworden ist. Er spielt im zugrundeliegenden Kanon jedoch kaum eine Rolle. Holmes trägt, der damaligen Mode entsprechend, häufig Zylinder. Entsprechend ist auch das Cover der DVD-Box gehalten.

 

 

Sex

 

Vielleicht ist es diese Szene, die mich an den Hai erinnert hat. Nun ja, zumindest auch. (Ebenso weit vorn ist die Gebärdensprache im Diogenes-Club.)

Romantische Beziehungen unterhält Doyles Homes meines Wissens nach kaum. Er konzentriert sich auf seine Leidenschaft als consulting detective.

Das wird auch hier betont. Irritierend finde ich, dass John Sherlock mehr oder weniger unverblümt darauf anspricht, dass er keine sexuellen Bindungen eingeht.

Das hat in den Folgen, welche in der Gegenwart spielen, immer wunderbar geklappt, (so ist zwischen Janine und Sherlock in "Sein letzter Schwur" nichts gelaufen). Die Anspielungen darauf, dass Sherlock und John eine homosexuelle Beziehung führen, waren niemals spärlich gesät und passten ins Ambiente. Aber – selbst wenn man den mindpalace berücksichtigt – scheint es mir hier unangemessen zu sein. Es wirkt sogar so auf mich, als sollte entweder Zeit geschunden oder eine bewusst „spaßige“ Situation geschaffen werden.

 

 

Geister/ Übernatürliches

 

Die namensgebende Braut schießt sich zu Beginn des Films vor aller Augen selbst in den Kopf (Fans der Serie haben bereits hier Parallelen aufgespürt, welche auf Großes hoffen lassen). Sie taucht einige Stunden später wieder auf und tötet ihren Ehemann.

Es darf nicht vergessen werden, dass das viktorianische London sehr vom Spiritismus fasziniert war – Sir Arthur Conan Doyle machte hier keine Ausnahme – daher werden schnell Gerüchte laut, dass es sich um ihren Geist handelte, welcher grausame Rache an dem unsympathischen Gatten genommen hat. Sherlock negiert die Existenz von Geistern rigoros, John scheint unentschlossen.

Ich sehe das als einen Verweis auf „Die Hunde von Baskerville/ The Hounds of Baskerville“, in dem die unübersehbaren Hinweise auf etwas Übernatürliches Sherlock in eine schwere Sinnkrise stürzen, ehe es ihm gelingt, die wahren Umstände zu klären.

 

 

Drogenkonsum

 

Es ist fast schon legendär. Holmes greift zu psychotropen, sprich bewusstseinsverändernden Substanzen, also Drogen. Mal abgesehen vom Nikotin, verwendet er Opium (in Form von Morphin?) und Kokain.

In der modernen Fassung wird erwähnt, dass Sherlock illegal harte Drogen zu sich nimmt. In „Ein Fall von Pink“ wird eine Razzia bei ihm durchgeführt. In „Sein letzter Schwur“ findet John ihn in einem heruntergekommenen Gebäude, welches von Junkies genutzt wird. In der gleichen Folge verlangt Sherlock unumwunden Morphin von seiner Vermieterin Mrs. Hudson und reagiert äußerst ungehalten, als er keines von ihr erhält.

Den Zigarettenkonsum versucht er mit Nikotinpflastern zu unterdrücken. In zwei Folgen sieht man ihn rauchen – jedes Mal in Situationen, in denen er emotional angespannt ist. Einmal, als er vom Tod Irene Adlers erfährt („Ein Skandal in Belgravia/ A Scandal in Belgravia“), einmal zum Weihnachtsessen mit seiner Familie („Sein letzter Schwur/ His Last Vow“). In „Die Hunde von Baskerville“ entzieht er von den Zigaretten. Als er die Gelegenheit erhält zu Rauchen, verzichtet jedoch zugunsten des Hounds.

In „Die Braut des Grauens“ spricht der vergangene Sherlock davon, dass er eine sieben prozentige Kokainlösung konsumiert hat. Einmal wird er von John darauf angesprochen, was „es heute war“ – Morphin oder Kokain?

In der Gegenwart wird Sherlock von Mycroft auf sein Versprechen hingewiesen, ihm jedes Mal, wenn er konsumiert hat und von seinem Bruder darauf angesprochen wird, einen Zettel zu überreichen, auf dem die verwendeten Drogen aufgelistet sind. Johns Reaktion verrät, dass Sherlock einen Cocktail aus höchst gefährlichen Substanzen zu sich genommen hat, noch ehe er den Jet betrat. Sherlock gibt – korrekterweise – zu Bedenken, dass jemand, der den Drogenkonsum gewohnt ist, nur unwahrscheinlich an einer Überdosis verstirbt.

 

 

Der kleine Junge

 

Hier kann ich mich irren – ich habe die Besetzungsliste noch nicht überprüft – aber der kleine Junge, der ab und an in der Bakerstreet auftaucht und Botendienste übernimmt, scheint mir Ähnlichkeit mit dem jungen Sherlock aus „Sein Letzter Schwur“ zu haben. Ein reizvolles Element, welches es den Autoren ermöglichte, Sherlocks Emotionen zu zeigen, die er als Erwachsener zu kontrollieren weiß.

 

 

Rotbart

 

Sherlocks Hund wird einige Male erwähnt. Er scheint noch immer im mindpalace herumzustreunen. Es wäre interessant zu erfahren, ob er in Zukunft eine – wie auch immer geartete – Rolle spielen wird.

 

 

Suffragetten

 

Frauen kommen in dem Film recht schlecht weg. Entsprechend der damaligen Gewohnheit werden sie wahlweise ignoriert oder herumkommandiert. John behandelt sein Hausmädchen mit wenig Respekt; seine Frau sieht sich gezwungen als Klientin bei Sherlock vorstellig zu werden, damit ihr Ehemann Notiz von ihr nimmt. Beide Frauen gehen auf ihre Art in den Widerstand.

Ins Gesamtbild passt auch, dass Sir Eustace Carmichael seine Gattin Lady Carmichael als Hysterikerin herabwürdigt. Funfact am Rande: Hysterie exisitiert nicht mehr, wird jetzt als Neurose deklariert. Wer sich mal einen Spaß machen möchte, sollte danach googlen, wie Hysterikerinnen (der Name stammt vom griechischen Wort für Gebärmutter) damals „geheilt“ wurden.

Ein weiteres – und sehr spannendes Detail – ist der Verweis darauf, wie Sherlock in „Sein letzter Schwur“ mit Janine (Gegenwart: Janine Hawkins; Janine Donlevy: Vergangenheit) umgesprungen ist, um in Magnussens Büro zu gelangen.

Am Ende, welches für meinen Geschmack zu rührselig ausgefallen ist, wird aufgelöst, dass es Londons Suffragetten waren, welche durch eine List dafür sorgen wollten, dass Frauen endlich die Anerkennung finden, welche ihnen zusteht. Daher hat sich die todgeweihte Emilia zur Verfügung gestellt, nach einem vorgetäuschten Suizid tatsächlich in den Tod zu gehen, um die Legende eines rachsüchtigen Geistes zu ermöglichen.

Als emanzipierte Vertreterin meines Geschlechtes freue ich mich darüber, dass das (Wahl-)recht der Frauen zum Thema gemacht wurde. Dennoch … irgendwie finde ich die Auflösung nicht sonderlich befriedigend, ohne dass ich genau sagen kann, was genau mich eigentlich stört.

Schön jedenfalls, dass Moriarty das Ambiente ähnlich unrealistisch findet, wie ich.

 

 

Gedächtnispalast/ mindpalace

 

Ich frage mich, ob sich Gatiss und Moffat haben von „Inception“ inspirieren lassen.

Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte.

Ich mag solche Plots. Sie verlangen dem Zuschauer ein wenig Phantasie und viel Konzentration ab.

Hier ermöglicht die Verwendung des Kniffs eine mal mehr mal weniger deutliche Verschmelzung der Ebenen. Der vergangene/ imaginäre Sherlock ist sich seines gegenwärtigen/ realen alter ego zumindest vage bewusst. Er kennt die tatsächlichen Todesumstände Moriartys, obwohl in seiner Realität der Professor – Doyles Kanon entsprechend – die Reichenbachfälle hinuntergestürzt ist.

Auch, dass die Ebenen durch kleine Andeutungen immer wieder durchbrochen werden (deren Deutlichkeit sich gegen Ende selbstverständlich steigert), hat ihren Reiz.

Es war wahrscheinlich der beste Trick, um die Handlung ins viktorianische London zurückzuversetzen. Alternativ hätten Gatiss und Moffat die moderne Fassung komplett ignorieren können – was dem Zuschauer eine Menge spaßiger Querverweise vorenthalten und wohl kaum funktioniert hätte. Oder aber, man hätte auf die inzwischen überstrapazierte Idee eines Traumes zurückgreifen können; ein Vorgehen, das ich zu Beginn (und sehr zu meinem Missfallen) vermutet hatte.

Dennoch … ich frage mich, ob eine viktorianische Fassung von Sherlock überhaupt notwendig war.

 

 

Reichenbachfall

 

Die originale Geschichte „das letzte Problem/ The Final Problem“ sollte bekannt sein: Holmes und Professor Mariarty treffen in der Schweiz am Reichenbachfall aufeinander und beide stürzen nach einem Kampf in die Tiefe. Nach Jahren stellt sich heraus, dass Holmes überlebt hat, während die Leiche des Professors nicht wieder auftaucht.

Doyle wollte seinen Helden damals tatsächlich „sterben“ lassen, da er seiner überdrüssig war. Die Fans (auch wenn man sie damals wohl noch nicht so genannt hat) der Geschichten haben ihn am Ende jedoch dazu gebracht, weitere Abenteuer seines berühmtesten Charakters zu veröffentlichen.

Nachdem sich Moriarty in „der Reichenbachfall/ The Reichenbach Fall“ selbst erschossen hat, war der Kanon dahingehend wieder hergestellt, dass er verstirbt. Meiner Meinung nach einer der stärksten Szenen in der gesamten Serie. Ähnlich kraftvoll ist nur noch der Tod von Charles Augustus Magnussen, sowie die Konsequenzen daraus.

Gatiss und Moffat haben es sich nicht nehmen lassen, den legendären Reichenbachfall in die Serie aufzunehmen. War er zuvor lediglich als Gemälde zu sehen, ist er in „Die Braut des Grauens“ (den Titel gibt der imaginäre John und somit der reale Sherlock der Geschichte übrigens selbst) in seiner vollen Pracht zu sehen. Nun ja. Als kleiner Ausschnitt. Schwer vorzustellen, dass es sich um den echten Reichenbachfall in der Schweiz handelt. Dennoch schön umgesetzt. Auch hier stürzen sich Pro- und Antagonist in die Tiefe. Anders als im Original wird Moriarty von John hinunter gestoßen (Watson war zu dem Zeitpunkt nicht anwesend) und Sherlock springt hinterher, um den mindpalace zu verlassen (schöne Grüße von „The Ring 2“).

Sicherlich ein Weg, beide Charaktere den Wasserfall hinunterfallen zu lassen, aber bei Lichte betrachtet nicht nötig, da Sherlock den mindpalace in der Regel aus eigener Kraft verlassen kann (soweit ich mich erinnere, wird diese temporale Unfähigkeit mit dem starken Drogenkonsum Sherlocks begründet).

 

 

Moriarty

 

Jaa, Jim Moriarty.

 

Man muss schon einen Faible für Charaktere haben, die mit einem Wort wie diesem zu umschreiben sind: durchgeknallt.

Gatiss und Moffat haben einen Moriarty erschaffen, der sich in seinem Verhalten von der Vorlage recht weit entfernt. Doyle beschreibt den Professor als kriminelles Meisterhirn, den „Napoleon des Verbrechens“ (wieso eigentlich haben Gatiss und Moffat Magnusson als „Napoleon der Erpressung“ bezeichnet? Das war too much, far too much, my dears), welcher während seinem Besuch bei Holmes in „The Final Problem“ durchaus kontrolliert erscheint.

Jim hingegen plagen Stimmungsschwankungen, wie er selbst zugibt. Ebenso ist er sich seiner psychischen Labilität bewusst. Sein verrücktes (im Sinne von: „aus der Mitte heraus gerückt“) Handeln gipfelt in seiner Selbsttötung, die er dazu nutzt, Sherlock in den (vermeintlichen) Suizid zu treiben.

Jims Tod war unumgänglich, wollte man den Kanon beachten.

Vielleicht ist den Autoren später aufgefallen, dass er eine interessante Komponente in die Serie bringt, jedenfalls taucht er immer wieder – als Halluzination oder als Bewohner des mindpalace – auf. Seine Anwesenheit gipfelt in der Schlussszene von „Sein letzter Schwur“, als ein schlecht animiertes Abbild von ihm landesweit in den Fernsehübertragungen auftaucht. Nach dem Abspann fragt er den Zuschauer, ob er ihn vermisst.

 

Oh, jaaa … und wie!

Es gibt nicht viele Schurken, Gauner, Verbrecher, oder wie auch immer Sie es nennen wollen, die eine ähnliche Faszination auf mich ausüben. Schade ’drum, gingen sie einer Geschichte verloren.

Ähnlich wie Red John in „The Mentalist“, dessen Ausscheiden aus der Serie sie quasi vorzeitig beendet hat. Zumindest in meinen Augen. Die nächsten Folgen nach seinem Tod habe ich nur noch mit Bedauern geschaut, die letzten (einschließlich der siebten Staffel) gar nicht mehr.

 

Ein Held ist nur so gut wie sein Antagonist.

 

So einfach ist das.

 

Der moderne Moriarty ist ein wunderbarer Antagonist. Sadistisch, hinterhältig, clever und – wie erwähnt – durchgeknallt.

Entsprechend empfände ich sein endgültiges Ausscheiden aus der Serie als einen Verlust.

Was ist also davon zu halten, dass Sherlock ihn am Ende für tot erklärt? (Was ist eigentlich mit seiner Leiche passiert?)

Welche Möglichkeiten gäbe es, dass der „Napoleon des Verbrechens“ weiterhin Unheil anrichten kann? Sherlock deutet an, dass Moriarty vor seinem Tod Dinge geplant haben könnte, die jetzt seiner Aufmerksamkeit bedürfen. Das wäre sicherlich eine Möglichkeit, eine weitere Moriarty-Geschichte einzubinden. Leider eine, die seine unmittelbare Anwesenheit nicht erfordern würde.

Viel spannender finde ich jedoch Johns Vermutung in Verbindung zu der Braut. Er gibt zu bedenken, dass es eine Zwillingsschwester geben könnte, die ihren Platz eingenommen hat. Sherlock verneint einen Zwilling kompromisslos – es sei „nie ein Zwilling“.

 

Nur … wussten Sie, dass Doyles Moriarty keinen Vornamen trägt? Er wird nur als Professor Mariarty beschrieben. Der Name Jim (James) ist dennoch nicht aus der Luft gegriffen. Ihn trägt im Original der Bruder des Verbrechers.

Demnach wäre eine – wenn auch nur kleine – Chance gegeben, dass Moriarty wieder in der Serie auftaucht.

 

 

Deutlich genannte Verweise zu den Werken Doyles

 

Der blaue Karfunkel/ The Adventure of the Blue Carbuncle: John fragt einen Straßenhändler, der das Strand Magazine veräußert, wie der blauen Karfunkel ankommt

Der Hund der Baskervilles/ The Hound of the Baskervilles: Bei einem flüchtigen Gespräch mit Mrs. Watson wird darauf eingegangen, dass sie in der von John verfassten Geschichte lediglich eine untergeordnete Nebenrolle spielt; wahlweise die Tür öffnet oder Tee serviert. Mrs. Hudson ist darüber verärgert.

Die fünf Orangenkerne/ The five Orange Pips“: Sir Eustace Carmichael erhält einen Umschlag, welcher fünf Apfelsinenkerne enthält. Eine deutliche Todesdrohung.

 

 

Fazit

 

Nun … wenn ich mir meinen bescheidenen Text so ansehe, glaube ich inzwischen zu wissen,wieso ich diesen Film nicht so schätze, wie die vorherigen Teile.

Der hauptsächliche Grund ist: ich bin knatschig.

Japp, das kann man als das richtige Wort ansehen.

Zum einen knatschig, weil die moderne Fassung - aus welchen Gründen auch immer (als eine Hommage?) - in die Vergangenheit versetzt wurde.

Zum anderen knatschig, da Moriarty für tot erklärt wird.

Schlimmer noch: John hat dafür gesorgt, dass Jim im mindpalace die Reichenbachfälle hinabgestürzt ist. Konnte man bisher noch darauf zählen, dass dieser total durchgeknallte, und daher spannende Charakter, zumindest in Sherlocks Kopf weiterexistierte – wie es besonders drastisch in „Sein letzter Schwur“ gezeigt wurde – so scheint diese Möglichkeit symbolisch eliminiert worden zu sein.

Nun, bleibt – für mich – zu hoffen, dass Moffat und Gatiss den Zuschauer (erneut) auf eine falsche Fährte gelockt haben. Mir persönlich gefällt die Idee eines Zwillings nämlich außerordentlich gut – und er würde, wenn auch nur entfernt, in Doyles Kanon passen.

 

 

P.S.: Regenwürmer? Ernsthaft?

 

27.03.2016

 

 

 

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